Uruguay – Abenteuer Visionssuche

Uruguay – Abenteuer Visionssuche

Uruguay – Abenteuer Visionssuche 1960 980 Mentalwerker.de

Alles beginnt mit einer guten Vorbereitung, also ging es kurz vor dem Start noch zum Outdoorladen, Schlafsack, Isomatte und Moskitonetz für Uruguay kaufen. Dazu kamen noch ein Messer, eine Taschenlampe und eine Hose.

Aufbruch in den Busch

Nun war alles, was ich brauchte, für Uruguay besorgt. Ich konnte mit riesiger Tasche zum Flughafen und zum Treffpunkt nach Frankfurt fliegen. Dort angekommen, stand noch ein Treffen auf dem Plan, was mit dem ganzen Uruguay-Trip nichts zu tun hatte, aber es war schön, Patty zum zweiten Mal nach 20 Jahren wiederzusehen. Dann begann auch schon der Start ins Ungewisse. Zur Überraschung aller flogen wir mit der Lufthansa. Das Flugzeug war nicht nur recht komfortabel, nein, es hatte auch Internetzugang, so dass ich noch etwas mehr Zeit hatte, mich von den Medien zu verabschieden.

Nach 11,5 Stunden im Flugzeug kamen wir dann auch recht geknautscht aber glücklich in Sao Paulo an. Dort hatten wir noch eine kleine Verschnaufpause, bevor das Abenteuer richtig beginnen sollte. Im Flug Richtung Uruguay Hauptstadt Montevideo wurde mir erst richtig bewusst, nachdem in der Maschine alles desinfiziert worden war, dass es jetzt los ging in den sogenannten Busch.

Ankunft in Montevideo

In Montevideo angekommen, wurden wir in Empfang genommen. Ich konnte schon sehen, dass das Wetter hier um Längen besser sein musste als bei uns, denn Peter war schön rot und Ina und Nika hatten eine nette Bräune. Also alles richtig gemacht, dachte ich mir. Wir fuhren dann 1,5 Stunden mit einem eigenen kleinen Bus zum Camp und konnten uns schon von der Natur einen Eindruck machen, denn Uruguay ist ein Land, welches in Montevideo dicht besiedelt ist, der Rest vom Land ist aber Land geblieben und die Menschen integrieren sich dort in die Natur und nicht umgekehrt.

Nachdem wir langsam von Straßen auf Nebenstraßen abgebogen waren, erwartete ich endlich das Camp. Doch weit gefehlt, nach Nebenstraßen kamen Feldwege und erst dann standen wir vor einem großen Grundstück. Schon beim Aussteigen erklomm der Geruch vom Grill meine Nase.

Herzlicher Empfang

Ich war zwar nicht wegen dem Essen hierher gekommen, jedoch wurde während der Fahrt schon immer von Assados geschwärmt. Nachdem die Tasche aus dem Bus endlich in meiner Hand war, standen auch schon Darko und Conny da und begrüßten uns auf das Herzlichste. Hier mal gleich eine Anmerkung: Die Menschen, die uns dort begleitet haben, gaben uns allen stets das Gefühl, dass wir eine Familie sind und alle gleich. Das war der erste Knaller. Es gab mir zu denken. Denn wie mache ich das denn, wenn ich zum ersten Mal Menschen begegne? Ich bewahre doch erst einmal etwas Abstand, um dann aus sicherer Entfernung zu entscheiden, wie ich mit den Neuen umgehe. Aber nein, Darko und Conny strahlten uns an und freuten sich auf uns, als würden sie auf ihre eigene Kinder warten und sie dann nach Jahren das erste Mal wieder in den Arm nehmen.

Luxus pur und trotzdem nicht ganz glücklich

Jetzt ging es an den großen Tisch, der unter zwei Eichen stand. Der Tisch war gedeckt und der Grillofen befand sich direkt dahinter. Endlich lecker Assados essen, Cola trinken und ankommen, dachte ich. Die Assados sind Rippchen, allerdings anders als hier in Deutschland, leckerer! Beim Essen wurde uns bereits nach und nach mitgeteilt, was uns hier so die nächsten Tage erwartete. Conny teilte mir mit, dass dies jetzt meine letzte Cola sein würde, denn für die Vorbereitung auf die Visionssuche wird die Ernährung, genauso wie der Verstand, darauf eingestimmt.

Nachdem auch Wasser mit Kohlensäure auf der falschen Liste stand, war mein Hunger gestillt. Neben den organisatorischen Dingen für die Visionssuche wurde uns das Camp gezeigt. Es standen zwei Duschen und zwei neue Toiletten für uns bereit. Was für ein Luxus, der sich in unseren Unterkünften weiter durchzog. Allerdings war ich auch etwas enttäuscht, denn ich hatte gehofft, unter freiem Himmel zu schlafen.

Morgen könnt ihr erfahren, wie die erste Nacht in Uruguay war, wie eine Schwitzhütte gebaut wird und wie gefrorener Joghurt Schmerzen lindern kann.

Wie es uns in der ersten Nacht erging, warum es wichtig ist, die hiesigen Rituale mit Respekt zu begegnen und wie wir begannen, eine Schwitzhütte zu errichten.

Baden, oder lieber doch nicht?

Nachdem das Abendessen beendet war, wollte ich unbedingt noch baden fahren. Denn wenn ich schon gefühlte 30 Grad mehr hatte als vor 20 Stunden, dann wollte ich das auch nutzen. Also fuhren wir noch an den Fluss, jedoch was war das denn? Da war ein braunes Gewässer, was nicht wirklich einladend aussah und ich verzichtete wie die anderen auch aufs Baden.

Bett oder Moskitozelt?

Wieder zurück im Camp ging es nun darum, die Betten zu machen. In meinem Zelt schliefen noch Jim und Marc. Ich hatte mir extra in Berlin ein Moskitozelt gekauft, um mich einfach nur mit Isomatte und Schlafsack hineinzulegen. Da wir hier aber nun tatsächlich Betten hatten, musste eine Entscheidung her. So entschied ich mich, auf mein Bett zu verzichten und baute mein Moskitozelt auf. Stirnlampe noch rausgesucht und ab gings wieder zu den beiden Eichen.

Wir erzählten noch etwas und so langsam kam die Müdigkeit über mich. So wanderte ich zu meiner ersten Übernachtung ins Zelt. Was würde mich wohl erwarten? Wo waren die kleinen fiesen Spinnen, wo die Moskitos, wo die Skorpione? Es sollte ein ganz anderes Lebewesen werden, was uns in dieser Nacht den Schlaf raubte.

Ein Schaf im Zelt?

Nachdem ich doch schnell und gut eingeschlafen war, erwachte ich durch ein merkwürdiges Geräusch. Ich konnte es nicht zuordnen und hatte auch erst einmal keine Lust, meine Augen zu öffnen, aber nachdem klar war, dass das Geräusch nicht von draußen kam, sondern direkt aus unserem Zelt, wollte ich doch wissen, was es war. Denn es gab ja Schafe und Pferde in unmittelbarer Nähe und mit einem Schaf im Zelt wollte ich eigentlich nicht schlafen. Also Augen auf und nachschauen, und was sah ich? Marc, der versuchte in sein Bett zukommen, allerdings in einer Lautstärke, dass es auch ein Schaf oder ähnliches hätte sein können.

Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass er eine halbe Stunde durchs Camp geirrt war, weil er unser Zelt nicht gefunden hatte. Naja, nun war er auch da, sprang noch etwas auf seiner Plastikflasche herum und endlich war dann Ruhe. Am Morgen wurde das frühe Aufwachen mit einem tollen Sonnenaufgang belohnt. Leider hatten die Mädels das warme Wasser der Dusche bereits alles aufgebraucht, also musste ich mit kaltem Wasser vorlieb nehmen. Aber schließlich hatte ich ja Camp gewollt und nicht Hotel.

Bau einer Schwitzhütte

An dieser Stelle muss ich mich noch einmal bei Conny bedanken, die während der gesamten Zeit über die Maßen gut für unser leibliches Wohl sorgte. Nachdem alle das reichhaltige Frühstück genossen hatten, starteten wir mit dem Bau der Schwitzhütte. Endlich, denn darauf hatte ich mich in Deutschland schon riesig gefreut und ich war sehr neugierig, wie die Schwitzhütte hier gebaut wurde. Zumal man wissen muss, dass es nicht nur ein Ritual ist, diese Schwitzhütte zu benutzen, sondern auch eine große Ehre, beim Bau der Schwitzhütte dabei sein zu dürfen und Bestandteil der Hütte zu werden.

Ritueller Dank an die Natur

Wir zogen also mit Darko los, um lange Äste von Weiden zu holen und diese als Grundgerüst für die Schwitzhütte zu nehmen. Nun ist es so, dass das einfache Nehmen aus der Natur hier etwas anders verläuft als bei uns, man bedankt sich im Vorfeld dafür, dass man sich an diesem Ort an der Natur bedienen durfte. In der Regel geschieht dies mit einer Tabakgabe an die Natur. Also bekamen alle Tabak und bedankten sich in Ritualform an diesem Ort für das, was wir gleich ernten würden.

Ich bekam auch Tabak und machte das Ritual recht schnell oder besser, ich war in meinen Gedanken nicht wirklich beim Bedanken, sondern schon beim Ernten. Aber gut, das sollte ja kein Problem sein. So ging Darko dann in die Bäume und sägte Ast für Ast aus den Bäumen. Wir unten sammelten sie und machten die kleinen Äste, Zweige und Blätter noch ab. Ich durfte beim Entasten mitmachen und half mit meinem neuen, scharfen Messer – bis zu dem Moment, wo das Messer an einem Ast hängen blieb und direkt ohne Umwege in meinem Finger landete. Es floss Blut und schmerzte – und an dieser Stelle darf jeder für sich entscheiden, woran es lag. Für mich war es in diesem Moment klar und ich beschloss, alles was es hier noch an Ritualen gab, mit dem nötigen Respekt zu behandeln.

Erster Sonnenbrand und Joghurt auf der Haut

Nach einer Weile hatten wir alle Äste zusammen und brachten sie zu dem Ort, an dem die Schwitzhütte entstehen sollte. Dies nahm den ganzen Vormittag in Anspruch und wir merkten langsam, das hier etwas anders war als bei uns in Deutschland: Die Sonne brannte und es waren 32 Grad! Beim Mittagessen entdeckte Conny bei dem ein oder anderen rötliche Verfärbungen am Körper und empfahl uns, Hüte aufzusetzen beziehungsweise den Nacken durch Kleidungsstücke zu schützen.

Als die Schwitzhütte gebaut war und wir wieder unter den beiden Eichen saßen, konnten wir uns über das Brennen auf unser Haut freuen. Irgendwann kam Peter mit gefrorenem Joghurt an und ich kann das Gefühl kaum beschreiben, als dieser die immer röter werdenden Haut kühlte und beruhigte. Die Becher gingen von Hand zu Hand. Auch das kalte Wasser aus der Dusche tat dem verbrannten Körper gut.

Wie wir die Schwitzhütte fertigstellten, was dabei alles zu beachten ist, worin der Unterschied zur Sauna besteht und welche Glücksgefühle so ein Bauwerk auslösen kann.

Himmelsrichtungen sind wichtig beim Bau

Im Anschluss an die Mittagspause ging es zu der Stelle, an der die Schwitzhütte gebaut werden sollte. Im Vorfeld hatten wir neben den langen Ästen der Weiden auch Steine mit an den Aufstellort gebracht. Nun wurde der Mittelpunkt der Schwitzhütte festgelegt und der Eingang nach dem Tipi beziehungsweise der Himmelsrichtung Süden ausgerichtet. Vieles, was hier für unsere Visionssuche gebaut wurde, richtet sich nach den Himmelsrichtungen. Sie spielen auch bei den Ritualen eine große Rolle.

Hiernach wurde der Eingang festgelegt und auch die anderen Himmelsrichtungen ausgelotet. So entstand um den Mittelpunkt ein Kreis, der auf seinen Außenbahnen Markierungen für die Himmelsrichtungen hatte. Danach wurden die langen Äste an den Markierungspunkten in die Erde gesteckt.

Nachdem wir damit fertig waren, wurden die Äste gebogen und über Kreuz zusammen gebunden. So entstand das Gerüst der Schwitzhütte. Nun wurden noch vier Außenringe um das Gerüst geschnürt, der Eingang fertiggestellt und so stand sie nun da: unsere Schwitzhütte. Was nun noch fehlte, war das Verschließen der Schwitzhütte. Hierzu wurden Zeltplanen und Decken über das Gerüst gelegt, welche die Schwitzhütte abdichteten. Nur der Eingang blieb offen und vor den Eingang wurde quasi der vielzitierte Sack gelegt.

Nein, es ist keine Sauna!

Zu unserem Schwitzhüttenbau und ihrer ersten Benutzung kam Matti dazu, er wird für unser Schwitzhütten-Ritual der Feuerwächter sein und später mein sogenannter Sicherheitsbeauftragter, der mich über die ganze Zeit der Visoinssuche begleitet und beschützt. Nachdem alles angerichtet war, die Schwitzhütte stand, der Altar vor der Schwitzhütte fertiggestellt, fehlte nur noch die Entzündung des Feuers, um die Steine für die Zeremonie heiß zu bekommen.

Das Stapeln des Holzes und Hineingeben der exakt 28 Steine war der Höhepunkt der Vorfreude auf dieses für uns alle neue Erlebnis. Sogleich ging es auch schon los und ihr könnt euch kaum vorstellen, wie warm es mir vorkam.

Vier Durchgänge mit 28 Steinen

Es gab genau vier Durchgänge und zu jedem Durchgang wurden sieben neue heiße Steine in die Mitte gelegt und dann mit Kräutern gewürzt, um dann mit Wasser gelöscht zu werden. Alle diejenigen unter euch, die jetzt denken, es würde einer Sauna ähneln – falsch gedacht! Es ist ein ganz anderes Gefühl in diesem kleinen Raum, keine Bänke aus Holz, sondern Grasboden und Zeltplane an den Wänden. Es war absolut intensiv, anstrengend, aber auch schön, durchgehalten zu haben. Das Thema Durchhalten sollte uns alle ja noch erst richtig bevorstehen, aber dazu im Laufe des Advents mehr.

Der Feuerwächter bewacht nicht nur das Feuer, sondern gibt auch die heißen Steine in die Schwitzhütte. Er ist auch der erste, der uns nach dem Ende der Zeremonie beglückwünscht. Es war schon ein komisches Gefühl: Da komme ich total fertig und verschwitzt, nur in Badehose, aus der Schwitzhütte und ein mir bis dahin relativ unbekannter Mann nimmt mich freudestrahlend in den Arm. Im Übrigen war auch Matti total verschwitzt. Naja, muss ich ja nicht weiter ausführen, jedoch war das wirklich gewöhnungsbedürftig für mich.

Heiße Steine und hemmungsloses Glück

Im Laufe der Zeit erkannte ich aber, dass meine Äußerungen von Freude von mir bisher immer sehr gesteuert beziehungsweise kontrolliert waren. Nachdem ich mal alle Normen fallen ließ, so spürte ich, war es umso erstaunlicher, wie Freude auch sein kann. Jeder von euch, der dies hier verfolgt, kann sich selbst einmal hinterfragen: Wann habe ich mich das letzte Mal so gefreut wie im Alter von vier Jahren und einfach hemmungslos die Glücksgefühle rausgelassen? Solltet ihr euch nicht wirklich erinnern können, dann probiert es doch bei der nächsten Gelegenheit mal aus, Weihnachten steht ja vor der Tür!

So ging dieser Tag zu Ende und ich nahm die neuen Eindrücke mit in mein Moskitozelt. Diese Nacht war ruhiger, denn nun kannten wir uns ja schon etwas mit der hiesigen Tierwelt aus.

Am nächsten Tag war Erholung angesagt und ich werde euch morgen mal von der Luftfeuchtigkeit in Uruguay und dem lauen Lüftchen berichten.

Heute erfahrt Ihr noch einmal genau im Detail, wie sich meine erste Schwitzhütten-Erfahrung anfühlte, wie schwer es mir zunächst fiel, mich fallen zu lassen und welche Befürchtungen mir dabei durch den Kopf schossen.

Die Schwitzhütte ließ mich die ganze Nacht nicht los, ich hatte ja schon einmal eine Zeremonie in ihr erlebt und im Vorfeld viel darüber gelesen, jedoch unterschied sich das von dem Erfahrenen enorm. Von daher habe ich mich entschieden, euch heute einmal etwas genauer von diesem Startschuss Visionsuche zu berichten. Los ging es schon damit, dass alle nur im Kleid oder in Badehose diese Zeremonie besuchten. Normalerweise betritt man die Schwitzhütte komplett nackt, aber für uns wurde eine Ausnahme gemacht.

Außerdem war ich zu diesem Zeitpunkt damals noch so weit verwestlicht, dass ich das auch ganz gut so fand. Die Zeremonie wurde von Conny und Darko geleitet, den Campeltern. Im Vorfeld erklärte uns Darko, wie wir uns zu verhalten hätten, dass es eine Reihenfolge beim Rein- und Rauslaufen gäbe und dass niemals die Linie zwischen Altar und Feuer durchquert werden dürfe.

Magie und Energie – wie im Mutterleib?

Nachdem wir nun alle unsere überflüssigen Sachen abgelegt hatten, ging es im Gänsemarsch in die Schwitzhütte, es war ein irres Gefühl, in diesen Raum zu treten, den wir nur Stunden zuvor selbst errichtet hatten. Für mich war es bis zu diesem Zeitpunkt nichts Unnormales, etwas zu benutzen, was ich kurz vorher gebaut hatte, aber mit dieser Schwitzhütte war es etwas anders. Es lag etwas Magisches in ihr, was genau kann ich nicht beschreiben, aber es war eine ungeheure Energie in ihr. Nicht umsonst wird diese auch als Mutterleib beschrieben. Wenn man aus der Schwitzhütte rauskommt, soll man sich wie neu geboren fühlen. Das blieb jedoch noch abzuwarten, denn meiner Vorstellungskraft gelang es zunächst erst einmal nicht, daran wirklich zu glauben.

Nachdem ich die Schwitzhütte betreten hatte, spürte ich jedoch bereits die Energie um mich herum und machte es mir bequem. Natürlich hatte ich aus meiner Verletzung am Vormittag schon gelernt, aber es fiel mir trotzdem nicht leicht, mich fallen zu lassen. War es die Angst vor dem Neuen, dem Unbekannten? Die Hauptfrage war jedoch, wie ich es in kurzer Zeit schaffen sollte, alles hier zuzulassen was um mich herum geschah.

Tabak, Mineralien und Kräuter

Irgendwann platzte dann der Knoten und ich verließ mich auf mein Baugefühl. Nun wurden auch schon die ersten heißen Steine in die Schwitzhütte gelegt, Darko nahm sie mit zwei Geweihen von der Schaufel und legte sie in die Mitte, dort wo im Vorfeld extra eine kleine Erdkuhle gegraben worden war. Conny bestreute die Steine mit Tabak, mit Mineralien und mit Kräutern. Es gab ein interessantes kleines Federspiel auf den Steinen. Zusätzlich ging ein so intensiver Geruch von den Steinen aus, dass ich das Gefühl hatte, der Geruch würde sich auch auf meiner Haut ablegen.

Abbrechen oder weitermachen?

Nachdem alle Steine an ihrem Platz waren, wurden sie mit Wasser übergossen und es stieg langsam warmer dichter Rauch auf. Ich fand das zunächst total angenehm, denn es war schön warm. Das Problem war nur, dass es es nicht aufhörte, sehr sehr warm zu sein. Langsam bekam ich kaum noch Luft und der Kopf begann mir zu diktieren, die Hütte so schnell wie möglich zu verlassen.

Ich wusste, ich konnte jederzeit abbrechen. Meine Gedanken lauteten etwa wie folgt: Hör auf, dich zu quälen! Unten steht eine schöne kalte Cola und dann setzt du dich schön unter die Eichen und wartest auf die anderen. Vielleicht denken die anderen ähnlich und trauen sich auch erst aufzuhören, wenn du den Anfang machst! Dieses Gedankenspiel hörte erst genau in dem Moment auf, als endlich die Decke vom Eingang entfernt wurde und sich frische Luft in die Hütte ergoss.

Ging es den anderen genauso?

Ich setzte mich wieder aufrecht hin und genoss das laue Lüftchen, welches langsam den Raum einnahm. Gut, die erste Runde hatte ich also geschafft und dachte: Gut, jetzt erst einmal rausgehen, Luft tanken und dann geht es wieder rein und du wirst die anderen drei Runden locker aushalten, mit der Pause draußen wird das schon gehen. Schade, falsch gedacht! Denn es ging nicht raus, sondern es kamen neue Steine, einer nach dem anderen, bis die sieben Steine wieder vollzählig waren.

Jeder Stein wurde wieder von Conny mit unterschiedlichen Gaben begrüßt. Dann kam auch schon das Wasser und ich hatte schon beim zweiten Mal in dem Moment, wo das Wasser über die Steine gegossen wurde, kaum noch Luft zum Atmen. Die Frage tauchte in meinem Gehirn auf: Woran liegt es, geht es nur mir so, was kann ich denn machen, damit es besser wird?

Gesicht ins Gras und atmen

Ich erinnerte mich daran, das Darko uns von seinen Schwitzhütten-Erfahrungen erzählt und empfohlen hatte, wenn wir keine Luft bekommen sollten, uns mit dem Gesicht ins Gras zu legen und dann zu atmen. Versucht einmal euch vorzustellen, wie es sich anfühlt, mit der Luft am Ende zu sein und dann den Rat zu erhalten, mit dem Gesicht nach unten durch die Erde zu atmen! Tatsächlich funktionierte es nur bedingt und ich versuchte noch andere Sachen, nur der Gedanke ans Aufgeben kam mir nicht mehr, sondern eher, wie ich durchhalten konnte und was ich am Ende aus dieser Erfahrung für mich mitnehmen konnte.

Nach gefühlten Stunden war diese Runde beendet, die gesungenen Lieder von Conny und Darko, gaben mir die Kraft durchzuhalten. Dann war endlich Pause und ein kleiner Funke Hoffnung in mir schimmerte auf, jetzt endlich mal wieder raus zu dürfen, mir die Beine zu vertreten, Luft zu tanken. Tja, leider erneut weit gefehlt, es ging in Runde Nummer drei.

Wie es mit Runde drei und vier in der Schwitzhütte weiterging, warum die dritte Runde das intensivste Gefühl in mir wachrief und weshalb ich aus der Zeremonie am Ende tatsächlich gestärkt hervorging.

Herrlich! Frische Luft

Nun ging die Tür der Schwitzhütte wieder auf und ich konnte langsam, ganz langsam, wieder frische Luft spüren. Es war still in der Hütte, niemand sagte etwas, alle waren wohl damit beschäftigt, Luft in ihre Lungen zu pumpen. In Gedanken schon wieder bei der nächsten Runde mit geschlossener Tür, dachte ich nur daran, wie ich das überstehen sollte. Ich kam also gar nicht erst zum Genießen der frischen Luft, sondern war schon damit beschäftigt, was wohl als nächstes passieren würde.

Ich stellte mir die Frage, warum wir nicht rausdurften, kam aber nicht wirklich dazu, mir darüber Gedanken zu machen, denn Matti war so frei und brachte wieder einen Stein nach dem anderen in die Hütte. Darko nahm sie ihm erneut ab und Conny begrüßte sie. Nachdem der letzte Stein an seinem Platz war, ich zählte natürlich mit (nicht dass da ein Stein zu viel drin war), ging die Zeremonie weiter. Also legte ich mich wieder ins Gras, denn im Sitzen hielt ich die warme, feuchte Luft schon seit der ersten Runde nicht mehr aus. Doch urplötzlich ging es los und ich staunte, denn die Tür blieb dieses Mal offen!

Freiheit, Geborgenheit, Kraft

Gedanken schossen mir durch den Kopf: Was kommt noch, warum lassen sie jetzt offen, haben sie vergessen, diese zu schließen? Die dritte Runde war trotz offener Schwitzhütte warm, feucht und anstrengend, aber sehr schön, da ich es mit einem Hauch frischer Luft besser genießen und auch wirken lassen konnte.

So kam ich in den Genuss, mich wirklich fallen lassen zu können, den Kopf auszuschalten und einfach das Sein sein zu lassen. Es war grandios, ein Gefühl von Freiheit, Geborgenheit, Kraft und Sicherheit. Wie lange diese Runde dauerte, konnte ich rein zeitlich gar nicht sagen, jedoch fühlte sie sich kürzer an als die beiden zuvor. Vom inneren Gefühl her war es für mich die intensivste. Ich war also angekommen, hier in dem Camp, bei Conny, Darko, Nika und den beiden Jungs Momo und Sergante, die hier nicht unterschlagen werden sollen.

Runde Vier: Lieder können Kraft verleihen

Nach dem Ende dieser Runde gab es die nächsten Steine und irgendwie war mir nun auch egal, ob die Schwitzhütte offen blieb oder nicht, denn ich fühlte mich gut, sicher und beschützt. Nachdem dann der für diese Zeremonie letzte Stein in der Hütte abgelegt war, ging diesmal die Tür wieder zu und es gab noch einmal ordentlich Dampf in der Hütte. Aber wie schon gesagt, es war nicht mehr so schlimm für mich. Es wurde während der gesamten Zeremonie gesungen. Für mich ist Singen ja nicht wirklich was, aber diese Lieder versprühten Kraft und Energie, sodass ich mich doch tatsächlich auf jedes Lied freute und damit immer tiefer in die Welt Uruguays eintauchte.

Das war also mein Startschuss für meine Visionssuche. Eine Zeremonie, die mich vorbereitete und mir schon in den kleinsten Situationen zeigte, worauf es in den nächsten Tagen ankommen würde. Verlass dich auf dich selbst, dachte ich mir, aber gleichzeitig waren Freunde für mich da, die mich in allem unterstützen würden.

Wieder im Freien

Mit diesen Gedanken verließ ich die Schwitzhütte und durfte total erschöpft, aber glücklich, mich mit den anderen außerhalb der Hütte unter den Eichen über die Erfahrung austauschen. Spannend waren natürlich die unterschiedlichen Erlebnisse und wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich denken können, dass wir alle in unterschiedlichen Schwitzhütten waren. Für mich war es, obwohl ich ja schon eine Schwitzhütten-Erfahrung hatte, tatsächlich die erste echte Erfahrung dort, denn anders als damals in Deutschland war es hier nicht erlaubt, zwischendurch rauszugehen, sich zu erholen und dann wieder reinzugehen. Nein, es war eine Zeremonie, bei der es darum ging, seinen Fokus neu zu legen, seine Grenzen neu zu bestimmen.

Natürlich stand eine Frage ganz oben auf meiner Liste: Warum war beim dritten Durchgang die Hütte nicht zugeblieben? Conny beantwortete die Frage relativ einfach, sie hatte einfach bemerkt, dass das in diesem Moment für uns die beste Variante war. Denn es ging nicht darum, sich sinnlos zu quälen und zu übertreiben. Eine Zeremonie verfolgte in der Regel eine positive Absicht und in diesem Fall sollten wir alle dies Zeremonie genießen dürfen und alles mitnehmen, ohne ständig darüber nachzudenken, wann endlich Schluß war. Ich freute mich sehr über diese Antwort, zeigte sie mir doch, dass wir alle eine gute Verbindung untereinander hatten, die auch ohne Sprache funktionierte. Das war für den weiteren Verlauf hier wichtig, denn nur so konnte ich mich während der Visionsuche fallen lassen und mich sicher fühlen.

Nikolaus

Passend zum heutigen Tag stecke ich euch einen Link von Jim Bertlein in den Stiefel. Jim beschreibt hier aus seiner Sicht die Schwitzhüttenzeremonie und noch viel mehr. So habt ihr neben meinen Beschreibungen gleich noch einen zweiten Eindruck von unserer Uruguay-Mission. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und ihr werdet überrascht sein, wie viele gemeinsame Erlebnisse anders beschrieben sind. Hier geht es zu Jims Seite.

Morgen beschreibe ich, wie ich meinen freien Tag verbracht habe und wie ich mit Wasser unsanft geweckt wurde.

Heute berichte ich über meine erste Begegnung mit unserem Schamanen, wie unsere Mission der Visionssuche konkret aussehen soll und weshalb wetterfeste Zelte auch in Uruguay manchmal die bessere Alternative sind.

Wie sieht so ein Schamane überhaupt aus?

Der heutige Tag steht ganz im Zeichen der Ruhe, denn am Abend ist der offizielle Start unserer Visionssuche. Von meinem persönlichen Startschuss habe ich euch ja bereits berichtet. Beim Frühstück lernte ich Juri kennen, unseren Schamanen. Ich hatte mir im Vorfeld schon ein Bild gemacht, wie dieser wohl aussehen würde. Umso überraschter war ich, als ich hörte, dieser junge Mann da sei unser Schamane. Ich war total überrascht, denn er war nicht wirklich älter als ich, hatte die Haare zum Zopf gebunden und hätte einer von meinen Fußballern sein können.

Ich hatte einen alten Mann erwartet, der in zerschlissenen Tierklamotten und toten Vögeln auf dem Kopf erschien. Nein, ganz im Gegenteil! Juri begrüßte mich auf das herzlichste, mittlerweile war ich ja angekommen und konnte die Herzlichkeit auch erwidern. Und ich verspürte ungeheure Kraft und Freude, die er irgendwie weitergab. Einfach so! Und seine Augen strahlten, allein dadurch war ich mir sicher, ich würde bei ihm super aufgehoben sein.

Nika die Wetterfee

Nun ging es darum, wie die Visionsuche denn eigentlich aussah. Peter eröffnete uns in einem Nebensatz, das wir ganz allein vier Nächte ohne Essen und Trinken unter einem Baum verbringen würden. In Berlin wurde uns noch erzählt, dass es pro Tag einen Liter Wasser gäbe, aber naja. Dazu kamen dann auch die Namen Ayawaska und San Pedro, welches unsere süße Medizin sein sollte. Über die Medizin werde ich morgen berichten.

Es gab also allerlei Organisatorisches und auch das Wetter war wichtig für uns, denn allein die Vorstellung, bei 40 Grad Celsius nichts zu trinken war nicht gerade verlockend.

Also las Nika den Wetterbericht vor, der bei jetzt Sturm und Regen prognostizierte und für die kommenden Tage sehr nettes Wetter für uns voraussagte: 20 Grad, kein Regen und kein Wind. Wir hofften nur, dass die Wetterverhältnisse tatsächlich so eintreten würden und nicht so, wie es sich gerade darstellte.

Die Ruhe vor dem Sturm

Ich legte mich noch einmal hin, da die folgende Nacht nicht dem Schlaf gewidmet werden sollte. Ich ging in mein Zelt, war zum Glück auch allein, hörte noch etwas Musik und schlief bei Sonne satt ein. Ich schwitzte ohne Ende, da die Sonne ohne Erbarmen aus dem Zelt fast eine Schwitzhütte machte. Irgendwann wachte ich auf und wunderte mich, dass es draußen schon dunkel wurde. So lange konnte ich nicht geschlafen haben, warum hatten mich die anderen nicht geweckt? Egal, irgendwie hatte ich keine Lust aufzustehen und bleib noch etwas liegen. Mir wurde zudem etwas kalt, deckte mich mit dem Schlafsack zu.

Das hätte mir schon komisch vorkommen müssen, aber ich lag gerade so schön und hatte keine Lust, nachzudenken. Das allerdings änderte sich schlagartig, nachdem ich Tropfen ins Gesicht bekam, ich wunderte mich nur ganz kurz und dann ging es auch schon los, der Regen brach über uns herein. Und was fehlte noch? Wind, oder besser Sturm. Das Zelt war in Sekunden komplett nass und wasserdurchlässig und der Sturm sorgte dafür, dass es immer wieder ins Zelt regnete. In diesem Moment dachte ich an unsere Wetterfee Nika, sie hatte genau dieses Wetter vorausgesagt.

Nicht nur Feuer kann knistern

Es ging langsam in die Endphase der Vorbereitung für die Zeremonie, ich sah die Behälter, in denen die Medizin war. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das wirklich alles nur für uns sein sollte, Liter über Liter standen dort.

Jedem von uns wurde langsam klar, das wir in Kürze einen neuen Weg beschreiten würden und die Spannung, die jeder von uns in sich trug, war förmlich mit den Händen zu greifen. Es knisterte gewaltig. Bevor es aber richtig los ging, wurde noch das Tipi vorbereitet und ich erlebte meine eigene Zeremonie mit Darko im Tipi.

Von dieser intensiven Zusammenkunft mit Darko berichte ich aber morgen, denn auch ihr sollt mal ein bisschen Knistern vor Neugier spüren.

Thema meines heutigen Berichts ist die Vorbereitung auf den großen Startschuss für die Zeremonie zur Visionssuche sowie eine vertraute Begegnung mit Darko, die eine für mich wichtige Frage klären sollte.

Ein Halbmond aus Blumen

Das Tipi wurde nun von allen Teilnehmern unter der Aufsicht von Conny, Darko und Juri hergerichtet. Es bedurfte nicht nur des Altarbaus, sondernd auch der Entfernung aller Disteln und anderem störenden Gestrüpp. Denn bei der bevorstehenden Zeremonie sollte sich niemand daran verletzen. Allerdings hatten die Disteln Wurzeln, die echt schwer aus der Erde gingen und so musste es von außen den Anschein haben, als wären wir Gartenbau-Lehrlinge und würden gerade jäten lernen.

Für die Zeremonie wurde natürlich auch ein Feuer gemacht und ein Altar gebaut. Dieser hatte die Form eines Halbmondes und wurde mit Blumen geschmückt. Dahinter standen alle Utensilien, die während der nächsten vier Nächte gebraucht wurden. Trommeln, das Akkordeon von Juri, die Gitarre von Matti – ja, und gefühlte eintausend Liter Medizin sowie viel Tabak und unterschiedliche kleine Tüten mit nicht erkennbaren diversen Inhalten, angefangen von Mineralien bis hin zu Kräutern.

Nasses Holz brennt doch – irgendwann

Zu jeder Zeremonie gehört natürlich ein Feuer. Wir hatten das Holz schon vorher gesehen und wussten, wie viel es war. Nur leider lag es zur Zeit des großen Regens draußen und war damit feucht geworden. Wir sortierten das Holz nach Dicke und Länge und fingen an, es von der Rinde zu trennen. Mir war nicht klar warum, denn auch darunter war das Holz feucht. Wir standen vor diesem riesigen Berg Holz und fingen an, es zu schälen. Die Rinde kam genauso ins Tipi wie das nackte Holz, allerdings auf zwei unterschiedliche Haufen.

Juri begann, mit Matti das Feuer zu entfachen. Hier wird Feuer allerdings anders entzündet als bei uns. Nicht dass mal eben schnell ein Liter Benzin drüber gegossen wird und schon geht es an. Ganz im Gegenteil! Juri entflammte das Feuer mit nassem Holz und nasser Rinde. Es dauerte eine ganze Weile und so entwickelte sich leider auch ordentlich Qualm im Tipi. Das Feuer war in der Form eines „V“ angelegt und seine Spitze zeigte nach Süden. Also genau dahin, wo Juri saß und all seine Utensilien lagerten.

Die Frage der Medizin

So langsam ging es immer schneller in Richtung Startschuss für die Zeremonie und die damit verbundene Visionssuche. Ich bat Darko um etwas Zeit, da mich das Thema Medizin fesselte und ich mich noch nicht entschieden hatte, ob ich diese überhaupt nehmen wollte oder nicht. Ich werde hier nichts über den Inhalt des Gesprächs preisgeben, denn es ist mein ganz persönlicher Schatz, den ich nur mit Darko teile, aber ich werde versuchen, euch mal das Gefühl zu beschreiben, welches mich in diesen Stunden immer wieder lenkte.

Es begann damit, dass es für mich nicht einfach war, Darko den Grund zu erläutern, warum ich mich mit dieser Entscheidung so schwer tat. Darko hörte mir nicht nur zu, sondern er verstand meine Einwände. Wir saßen im Tipi, in dem in Kürze der Start meiner Visionssuche stattfinden sollte und sprachen über unsere Vergangenheit. Das Spannende war, dass sie sich doch sehr ähnelten und es eine Zahl gab, die für uns beide eine große Bedeutung hatte.

Eine Tür geht auf

Es entstand eine Vertrautheit zwischen uns, als wären wir gemeinsam aufgewachsen. Durch Darkos Erzählungen aus seinem Leben und speziell darüber, was passiert war, nachdem er etwas darin verändert hatte, begann auch ich darüber nachzudenken. Durch seine eigene Lebensgeschichte öffnete er mir eine Tür und ich konnte tatsächlich sehen, wie so eine Veränderung funktionierte und was sie bewirkte.

Zum Schluss des Gespräches ging es mir extrem gut, eine Entscheidung hatte ich trotz alledem noch nicht getroffen. Aber ich hatte dank Darko die Möglichkeit, mich dafür zu entscheiden. Die Geste zum Abschied aus diesem Gespräch war für mich mehr als ein Symbol und gab mir die Kraft, die ich benötigte, um meine Entscheidung für oder gegen die Medizin zu treffen. Darko ging mit den Worten, er werde mit Juri sprechen, damit es keine Verwunderung geben würde, wenn ich keine Medizin einnähme.

Endlich war es so weit, die Visionssuche sollte mit der Zeremonie beginnen. Ich rang weiter mit der Entscheidung pro oder contra Einnahme der Medizin.

Aufregung, vergleichbar mit einer Geburt

Alles war fertig. Wir konnten uns noch etwas ausruhen, Wasser trinken und essen. Die Stimmung unter uns war sehr angespannt, denn niemand wusste schließlich, was gleich passieren würde. Wir saßen gemeinsam in der Küche und hörten, dass ein Plan B existierte, wenn der Regen nicht aufhören würde. Aber irgendwie schien uns das alle nicht wirklich zu interessieren. Jeder beschäftigte sich anders, je später es wurde und die Zeit für die Zeremonie herankam. Für mich war es ähnlich wie der Zustand vor der Geburt meiner Kinder. Würde alles gut gehen, war das neue Leben gesund, ging es allen nach der Geburt gut, überstand meine Frau die Schmerzen?

Meine Fragen sahen anders aus, aber wie gesagt, das Gefühl war wirklich das gleiche. Ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Dazu kam, dass ich seit Tagen nur noch Wasser getrunken und Obst gegessen hatte. Mir war weder nach Fleisch noch nach Cola zumute. Schon sehr erstaunlich! Aber sollte ich mir meinen Bauch jetzt noch bis zum Rand mit Wasser vollgießen? Irgendwie fand ich das blöd und habe es gelassen, denn vortrinken funktionierte wahrscheinlich genauso wenig wie vorschlafen.

Einzug ins Tipi

Nun kam der Startschuss zur Zeremonie. Wir nahmen alle unsere Sachen, die wir für unsere vier Nächte gepackt hatten und brachten sie ins Tipi. Ich hatte neben meinen Klamotten am Leib noch meine Isomatte, den Schlafsack und mein Moskitozelt mit. Keine Taschenlampe, kein Buch, kein Diktiergerät. Ich wollte mir meine Gedanken aufschreiben, um sie nicht zu vergessen. Jedoch wurde uns sehr nett, aber eindringlich, von Conny, Darko und Juri nahegelegt, dass wir schon mehr mit hätten als nötig und dass dies reichen würde. Wir würden die wichtigen Sachen schon im Herzen behalten. Naja, schließlich hatte ich vor, in den Nächten auch mal etwas zu machen, wozu ich in Berlin keine Zeit hatte. Ganz langsam verstand ich, dass dafür hier doch nicht der richtige Ort und die richtige Zeit war. Jeder suchte sich nun einen Platz im Tipi aus und nachdem das Feuer brannte, ging es los.

Stimmung im Festzelt, Tabak und Gesang

Und wie es los ging! Es wurde gesungen und viel geraucht. Zum Rauchen mal so viel: Während einer Zeremonie ist es nicht mit dem Gequalme sonst zu vergleichen. Abgesehen davon ist der Inhalt Gebetstabak und neben dem normalen Tabak sind verschiedenste Zusätze darin. Das Papier, das nötig ist, um den Tabak rauchen zu können, sind getrocknete Maisblätter, die befeuchtet werden.

Verschlossen wird der Tabak mit vier kleinen sogenannten Maisbändern. Warum vier? Ganz einfach – für jede Himmelsrichtung ein Bändchen. Das Essen und das Wasser wird jedes Mal noch mit dem Rauch des Tabaks geweiht. Der erste Tabak, der an diesem Abend geraucht wurde, befand sich in einem recht großen Maisblatt – ich denke, es hatte so an die vier Zentimeter Durchmesser. Conny startete mit ihren Bitten für uns.

Danach ging der Tabak an Juri und Darko, an Nika und Peter sowie an Matti. Es wurde gesungen und wir wurden ganz langsam auf die Medizin vorbereitet. Bevor es allerdings los ging, kam Juri zu mir und stellte mir frei, die Medizin zu nehmen oder nicht. Er hatte im Vorfeld mit Darko gesprochen und wusste um meine Bedenken. Er berichtete mir auch von seinen eigenen Erfahrungen, dass es andere Zeremonien ohne Medizin gab, er hier und heute aber nur eine Zeremonie mit Medizin machen konnte. Er zeigte mir noch, was ich tun musste, wenn ich die Medizin nicht nehmen würde und gab mir die Kraft, meine Entscheidung frei zu fällen.

Darko legte noch einmal Holz nach und Juri erhob sich, um die Medizin zu segnen. Nun sollte es also losgehen. Keine Ahnung, wie spät es war und wie lange wir darauf gewartet hatten. Wobei: Am 17. Januar war die Visionssuche mit Bekanntgabe des ersten offiziellen Termins gestartet und neun Monate später saßen wir hier und brachten unsere Vision zur Welt.

Die Medizin wird gereicht

Nun wurde die Medizin im Kreis herum gereicht. Juri gab jedem als erstes San Pedro – eine Medizin, die aus der Kaktuspflanze hergestellt wird und die Juri selbst zubereitet hatte. Es waren die Minuten der Entscheidung für mich gekommen. Was sollte ich tun? Sollte ich trinken oder die Medizin weitergeben? Nachdem Juri sie in die Runde gegeben hatte, konnte ich sehen, wie einer nach dem anderen die Medizin nahmen.

Vor mir war Darko an der Reihe. Er goss sich sein Glas voll und trank es aus. Doch wie er es trank, beeindruckte mich. Ich wusste, was in etwa kommen würde und hatte eine Vorahnung, wie es schmeckte, wahrscheinlich nicht gerade köstlich. Aber Darko genoss es, als ob er gerade den edelsten Wein trank.

Ich fälle eine Entscheidung

Dann gab er mir sowohl Glas als auch Behälter mit der Medizin – einen 5-Liter-Kanister. Da saß ich nun und hatte echt noch keinen Plan, was ich jetzt machen sollte. Ich wusste, was zu tun war, wenn ich nicht mochte. Ich wusste, es würde für niemanden hier ein Problem sein, wenn ich ablehnte. Aber ich erinnerte mich auch, was ich vor einigen Jahren mir als Fundament für mein Leben gesagt hatte. Sollte ich dem allen jetzt untreu werden und vor allem mir selbst? Ging es hier nicht eigentlich genau darum, die Vision in seinem Leben zu finden? Nun gut, die Medizin stand also da und das Glas war in meiner Hand. Ich sah Darko an, sah zu Conny und Juri und dann stand mein Entschluss fest.

Ich hielt das Glas und die Medizin von Darko immer noch in der Hand und die Frage wanderte weiterhin durch meinen Kopf: Nehmen oder weitergeben? Nun war er also da, dieser Moment, in dem ich mich entscheiden musste.

Wie schon gesagt, sah ich Darko, Juri und Conny an und spürte, dass sie mir die freie Wahl ließen. Ohne dass mir die Entscheidung abgenommen wurde, ohne dass es eine Tendenz von außen gab. Nein, meine freie eigene Entscheidung war gefragt, nur wusste ich nicht, wie ich zu dieser kommen sollte, mit der ich mir auch nach der Zeremonie noch guten Gewissens in die Augen schauen konnte. Es schien, als verginge die Zeit nicht. Ich habe keine Ahnung, ob die anderen merkten, was in mir gerade vorging.

Geschmack der süßlich-bitteren Medizin

Dann kam plötzlich ein Impuls wie aus dem Nichts über mich und ich war bereit für die Medizin. Im Vorfeld war uns bereits berichtet worden, dass S5007812-300x225es kein Geschmacksmuster für alle gab. San Pedro schmeckte allen etwas anders und hatte auch bei jedem einzelnen eine andere Wirkung.

Ich goss mir also langsam mein Glas mit San Pedro etwa zu drei Viertel voll. Danach hielt ich es hoch, bedankte mich bei einigen Menschen in und außerhalb der Runde und nahm den ersten Schluck San Pedro in meinem Leben. Dieser schmeckte gar nicht so schlecht, wie ich erwartet hatte. So trank ich das Glas leer. Dabei genoss ich meine Entscheidung.

Der Geschmack ist nicht leicht zu definieren, leicht bitter mit etwas Süße, wobei die Bitterkeit des Geschmacks immer mehr zum Vorschein kommt, desto mehr man trinkt. Ich gab das leere Glas an Ina weiter, die neben mir saß, gab ihr den Behälter mit der Medizin und freute mich noch immer über den Schritt, den ich eben gemacht hatte. Hiernach kreuzte sich mein Blick mit dem Darkos und ich bedankte mich noch einmal ohne Worte bei ihm für die Zeit, die er sich für mich bisher genommen hatte, um mir diese Möglichkeit zu eröffnen.

Schmeckt die andere Medizin genauso?

Es verging nicht viel Zeit und schon ging Juri mit einer anderen Medizin reihum. Er sah mich an und ich gab ihm mein Okay zu ihrem Verzehr. Diesmal wurde sie in einem kleinen Glas ausgeschenkt, nicht größer als ein Vodkaglas. Ich dachte bei mir, da der Geschmack der ersten Medizin nicht so schlimm gewesen war, würde ich den der zweiten nun auch gut aushalten. Doch weit gefehlt, dieser Geschmack war bitter, vergoren, enthielt irgendwie auch Kohlensäure, war gleichzeitig sauer und süß. Ich hatte das Gefühl, alle Geschmacksrichtungen, die ich jemals wahrgenommen hatte, seien hier in einem vereinigt.

Nun war mir auch klar. warum wir nur diesen einen kleinen Schluck bekamen. Es schüttelte mich ordentlich durch und ich musste permanent aufstoßen, aber zugleich war es auch ein geiles Gefühl, seine eigene Ketten mal gesprengt zu haben. Ich war ein wenig stolz auf mich und wartete nun auf das, was noch kommen sollte. Damit war meine Visionssuche richtig eröffnet.

Warum gibts keine Bilder?

Es wurden während der gesamten Zeremonie weder Bilder gemacht, noch wurde gefilmt. Wer allerdings wissen möchte, was die Lieder auf andere Art mit Filmen zu tun haben, der kann sich auf morgen freuen.

Jede Medizin verspricht eine Wirkung. Diese konnte unterschiedlicher nicht ausfallen. Einigen wurde schlecht und sie mussten sich übergeben.

Wie wirkt die Medizin?

Ich wurde von Minute zu Minute müder und musste mich gegen den drohenden Schlaf stemmen. Allerdings kann ich an dieser Stelle schon sagen, dass es mir nicht gelang, die ganze Nacht über wach zu bleiben. Nach einer geraumen Weile wurde die zweite Runde Medizin dargeboten und diesmal gab ich das Glas sofort ohne lange Überlegung weiter und fühlte mich sehr gut dabei.

Filmmusik

Da ich dem Schlaf kaum entkommen konnte, begann ich ab und an wegzudösen. Der Zustand war ähnlich wie eine Trance. Nur kamen jetzt die Lieder der Singenden im Zelt dazu und ich verfing mich darin. Ich begann, merkwürdige Sachen zu träumen. Das Spannende dabei war: Wenn die Lieder beendet waren, endeten auch sofort meine Träume. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, in welchem Zustand ich die Zeremonie erlebte, nur soviel sei gesagt, es war anstrengend und schön zu gleich. Was um mich herum passierte, bekam ich nur am Rande mit, interessierte mich aber auch nicht wirklich, denn ich war mit mir selbst zu sehr beschäftigt. So ging es wohl allen anderen auch.

Tabak gehört dazu

Irgendwann in dieser Nacht wurde auch mir der Tabak gereicht und ich wusste erst einmal nicht, was ich jetzt damit machen sollte. Zumal es nicht nur etwas Tabak im Maisblatt war, sondern eine Riesenrolle. Diesmal kam ich erst gar nicht zum Nachdenken, sondern zog daran. Es gehörte zur Zeremonie und war in diesem Moment für mich auch total normal. Ich sagte einige Worte zu den Anwesenden im Zelt, bat um eine gute Zeit unter meinem Baum und gab den Tabak noch glimmend weiter.

Es wird langsam Tag

So verging die gesamte Nacht, rauchend, träumend, still. Nun sollte es noch einmal in die Schwitzhütte gehen, aber vorher gab es Wasser und Essen. Dieses war von Conny wie immer perfekt zubereitet worden, jedoch – ich bekam keinen Bissen herunter. Ich hatte mich schon seit zwei Tagen darauf eingestellt, nichts mehr zu essen.

Nun stand die Sonne schon hoch am Himmel, es nahte das Abschiedsessen und der Startschuss für eine erneute Zeremonie in der Schwitzhütte wurde erwartet.

Das Essen war etwas ganz besonderes, es gab Mais, Fleisch und Obst. Jeder durfte sich so viel nehmen, wie er wollte. Ich entschied mich für wenig, denn ich hatte keinen Hunger, sondern war müde und fror. Ich trank durstig nur die eine oder andere Tasse Wasser, denn ich hatte enormen Respekt vor der Zeit, die uns ohne das kühle Nass bevorstand. Dann ging es gleich in die Schwitzhütte.

Ausziehen alle!

Ab dem Startschuss für die Schwitzhütte ist es für mich schwierig, in der Wir-Form zu schreiben, denn ich fing genau hier an, die anderen komplett auszublenden. Ich zog mich aus, stand in meiner Badehose da und wartete auf Einlass. Es dauerte eine Ewigkeit, bevor wir endlich reindurften. In der Zwischenzeit hatte ich mich bereits wieder angezogen, da mir wirklich unglaublich kalt war. Vielleicht lag es am fehlenden Schlaf. Ich ging aus dem Tipi in Richtung Schwitzhütte und freute mich auf die darin befindliche Wärme, die mich gleich umschließen würde. Es gab noch das ein oder andere Lachen und dann ging der Vorhang auf.

Einmarsch in die Schwitzhütte

Nun war es endlich soweit, alles bis hierher Erlebte sollte nur die Vorbereitung auf das sein, was jetzt genau begann. Ich drehte mich noch einmal zu Peter um und verabschiedete mich dann in die Schwitzhütte. Diesmal hatte ich einen anderen Platz darin eingenommen und war voller Vorfreude. Zunächst wurden von Conny und Juri wieder Steine in die Hütte gebracht. Darko nahm sie und so wurde es genau sieben Mal wiederholt. Danach gab Matti den großen Wassereimer hinein und der Vorhang fiel: Neustart meiner ganz persönlichen Visionssuche.

Endlich war ich an der Reihe und ich ging in die warme Schwitzhütte. Wobei, noch war da nichts warm, es fehlten noch die heißen Steine. Glücklicherweise gab Matti diese sogleich hinein, woraufhin mir nicht nur warm, sondern schnell heiß wurde und in meinem Kopf der selbe Kampf wie beim letzten Mal begann.

In der Schwitzhütte: Wechselbad der Gefühle

Nachdem der Vorhang allerdings aufgegangen war und wieder etwas frische Luft in die Hütte kam, wurde es fast zu kalt. Es war ein Wechselbad der Gefühle und ich kann gar nicht sagen, welches unangenehmer war. Die Kälte störte mich enorm und sorgte für Unwohlsein, die Wärme war zwar angenehm – nur dass die Luft dadurch immer dünner wurde, war teilweise fast unerträglich. Es wurde mir bewusst, wie wechselhaft ich in meinen Bedürfnissen hin und her sprang. In Runde zwei bekam zusätzlich die Müdigkeit immer mehr Macht über mich und ich hatte richtig zu tun, nicht umzufallen. Dann ging endlich die Tür wieder auf und mit dieser zweiten Runde endete diesmal die Zeremonie.

Zurück im Tipi zogen sich alle wieder um. Vor dem Zelt bekam ich von Darko Tabak im Maisblatt gereicht als Unterstützung für die nun kommende Zeit. Ich wurde aufgefordert, alle meine Bitten und Sorgen in den Tabak zu geben. Er hatte die Aufgabe, mir die Kraft zu geben, diese Tage an meinem Platz zu genießen.

Entkräftet und müde – Suche nach einem Platz

Dann ging es los, Peter lief mit der Trommel vornweg und wir alle hinter ihm her. Ich hatte meinen Schlafsack, die Isomatte und das Moskitozelt bei mir. Am ersten Platz angekommen, fragte uns Juri, wer ihn haben wolle. Er gefiel mir zwar, jedoch war er mir zu dicht am Camp. So nahm ein anderer diesen Platz ein und ich ging mit allen weiter. Was ich nicht bedacht hatte, mich verließen nach und nach die Kräfte und wenn Brudi mir nicht meine Sachen abgenommen hätte, hätte ich sie irgendwo liegen lassen und mich wohl einfach dazu gelegt. Brudi oder Sergante, wie er auch genannt wurde, nahm also meine Sachen, trug sie für mich und ich fühlte mich unendlich erleichtert.

Nachdem zwei weitere Plätze weg waren, kamen wir an einen wunderschönen Ort. Ich hatte sofort für mich beschlossen, diesen in Beschlag zu nehmen. Juri und Darko machten noch den ein oder anderen Ast ab, entfernten ein paar Disteln und er gehörte mir. Nun gab mir Brudi meine Sachen und ich legte alles ins Gras. Ich wollte mich verabschieden, aber das war nicht mehr erlaubt, so sah ich ihnen beim Weiterlaufen noch kurz hinterher.

Allein und verlassen

Ich saß also unter einem Baum, allein ohne Spielsachen. Die anderen waren alle weg. Niemand konnte mir sagen, wie spät es war. Und ich war immer noch müde von der Zeremonie. Also legte ich mich in mein Moskitozelt und irgendwann standen Conny, Darko und Juri vor mir. Ich kann mich nur noch an Connys Satz erinnern, die mir viel Spaß wünschte.

Wie mein erster Tag allein in der Wildnis verlief, warum ich mich nicht gerade leicht tat mit der Visionssuche und warum ich sehnsuchtvoll die Blüten der Pflanzen um mich herum im Blick behielt.

Wie spät ist es?

Irgendwann wachte ich auf und musste mich erst einmal sortieren. Ich wusste weder, wo genau ich war und vor allem, wie spät es war. Ich versuchte, mich an der Sonne zu orientieren, um überhaupt irgendwie eine Zeitvorstellung zu bekommen.

Dass die Sonne am Himmel stand, konnte alles bedeuten, sowohl, dass es noch morgens, als auch, dass es bereits Nachmittag war. Letzteres war meine Hoffnung, dann war der Tag schon fast geschafft. Mit diesem freudigen Gedanken sah ich mich hier etwas um, suchte das Tipi. Schaute, ob ich nicht eventuell noch den ein oder anderen sah. Nun stellte ich mit Erstaunen fest, dass die Sonne eher höher am Himmel stand als dass sie unterging. Das bedeutete also, dass der Tag erst anfing!

Wie viele Stunden hat so ein Tag eigentlich?

Nun sah ich mich an meinem Platz mal genauer um. Ich entdeckte mehrere Blüten um mich herum, die gerade aufgingen. Ok, dachte ich bei mir, dann begann jetzt also der Tag und ich konnte mit meiner Visionssuche anfangen. Nur wie, was genau sollte ich denn jetzt machen? Der erste Tag war gleich um und ich hatte noch immer keine Vision. Wie sollte das denn die nächsten Tage weitergehen? Nur hier rumliegen und warten, dass die Sonne unterging? Wie kam ich an meine Vision ran? Was machten denn die anderen, hatte schon jemand aufgehört? Warum saß ich hier überhaupt? Ich hätte doch auch am Meer liegen können!

Das waren bei weitem noch nicht alle Fragen, die mir so durch den Kopf gingen. Vor allem die Frage, wie oder wer oder was mir meine Vision zeigte und woher ich wissen sollte, ob das auch wirklich meine war, beschäftigte mich. Dieser Tag schien mittags bereits zu Ende gefragt, aber er ging noch lange weiter. Die Sonne wollte nicht untergehen, ich sah mich nach den Blüten um, die noch offen standen und sich der Sonne erfreuten. So ein Mist! In Berlin konnte der Tag nicht genug Stunden haben und hier gingen sie einfach nicht vorbei, sondern wurden eher mehr. Der Tag war immer noch nicht zu Ende, die Blüten offen.

Sonnenuntergang

Es dauerte so unglaublich lange, bis die erste Blüte ganz langsam anfing, sich zu schließen. Mann, war ich froh darüber! Ich hatte keine Vision, mich mit irgendwelchem Zeug auseinandergesetzt. Gehörte das alles mit dazu? Dann endlich der Sonnenuntergang, scheiß auf Romantik, die Sonne war endlich weg und ich konnte in mein Moskitozelt und endlich den ersten Tag beenden. Was für ein Gefühl!

Welche Empfindung ich allerdings in der Nacht hatte, soviel sei gesagt: Ein Mitternachtskonzert und hungrige Tiere störten enorm meine Nachtruhe.

Ja, die Sonne war endlich untergegangen! Endlich also Zeit zu schlafen und ich legte mich in mein Moskitozelt. Doch ich wurde zweimal empfindlich in meiner Nachtruhe gestört.

Ich schlief in unter meinem Moskitonetz, den Schlafsack offen. Unter meine Isomatte hatte ich meine Schuhe gestopft, um die Unebenheiten etwas auszugleichen und um gleichzeitig so etwas wie ein Kopfkissen zu haben. Das Moskitonetz war gespannt wie ein Zelt und war 2,50 Meter lang, 50 Zentimeter hoch und ebenso breit. Einlass bekam man nur durch einen schmalen Einstieg an der Seite. Es war jedes mal eine Tortur. Aber immerhin befanden sich keine Mücken, Fliegen oder Spinnen im Schlafsack.

Ein Mitternachtskonzert, wo kommt das her?

Also legte ich mich irgendwie halbwegs bequem hin (welch Wort für den Zustand dort) und versuchte zu schlafen. Es dauerte wohl einige Zeit, aber ich schlief tatsächlich ein. Aber was war das, laute Trommelklänge mitten in der Nacht und Gesänge? Ich wollte doch schlafen! Ich versuchte, mich zu orientieren und schaute, wo das wohl herkommen mochte. Es konnte nur aus unserem Tipi stammen. Langsam wurde ich wach und mir war es möglich, diese Art von Musik zu genießen. Als wenn jemand sagte: Du bist zwar da draußen, aber wir passen auf dich auf! Die Musik wurde schließlich etwas leiser und die Gruppe verabschiedete sich von uns. Nun dachte ich, mit den Schlafliedern erst Recht gut schlafen zu können.

Stockfinster in der Wildnis, wer fürchtet sich da nicht?

Endlich wieder eingeschlafen, schreckte ich hoch: Was war das denn? Um mich herum hörte ich Getrampel, relativ leise und vorsichtig, aber näher kommend. Ich hatte nicht einmal eine Taschenlampe mit, einen großen Gecko hatte ich schon gesehen und dem jetzt hier begegnen wollte ich lieber nicht. Ich war sofort hellwach und versuchte, irgendetwas zu sehen. Es war stockdunkel und anders als in der Stadt gab es hier natürlich nirgends Kunstlicht. Was auch immer das war, es kam immer näher. Waren es Wölfe, wilde Hunde?

Ein lautes Schnüffeln war direkt über mir und machte mir ein nicht ganz so gutes Gefühl. Was sollte ich jetzt tun, ich war in meinem Moskitozelt gefangen, konnte mich nicht wehren und nicht einfach schnell abhauen. Die Gedanken rasten mir durch den Kopf, hatte ich den Ort meiner Visionssuche ausgerechnet am Schlafplatz eines Tieres aufgeschlagen oder war es sogar dessen Fressplatz? Wenn es dies war, warum kam das Tier dann nachts hierher?

Raus aus dem Moskitozelt oder drin bleiben?

Irgendwie war dieses Gefühl nicht nett, überhaupt nicht zu wissen, was da war. Vor allem schien es, als würden es mehr Tiere werden. Ich hörte das Trampeln und Schnüffeln und langsam hatte ich keine Lust mehr, dazuliegen und nichts zu tun. Es war ein schier endloser Kampf mit mir selbst, ob ich aus meinem Moskitozelt rausgehen oder drin bleiben sollte. Oder war es vielleicht klug, Krach zu schlagen, um die Tiere zu vertreiben? Nur wie sollte ich das tun? Sprechen war mir an meinem Platz im Rahmen der Visionssuche verboten. Außerdem, wenn ich die Tiere jetzt erschreckte, vielleicht hatten sie dann erst richtig Lust, mich mal genauer zu betrachten? Ich kann nicht sagen, wie lange das so weiterging, doch langsam zog die Kolonne weiter und ich hatte endlich wieder Ruhe.

Aufwachen mit Sonnenaufgang

Vor dem Einschlafen nahm ich mir vor, möglichst lange zu schlafen, um den zu überstehenden Tag möglichst kurz zu halten. Außerdem wollte ich unbedingt erkunden, welche Tiere sich des Nachts bei mir rumgetrieben hatten.

Bevor ich aber einschlief, kam mir noch in den Sinn, wie es für mich selbst sein würde, wenn ich nach Hause zurückkäme und es würde auf einmal jemand anderes dort wohnen. Nicht nur ein anderer Mensch, sondern eine andere Gattung Lebewesen. So musste es wohl der Truppe von heute Nacht gegangen sein. Ich hörte in mich hinein, was ich machen konnte, damit hier alle Lebewesen in Ruhe die Zeit verbringen konnten und nicht mit nächtlicher Angst. Ich hoffte schließlich, dass auch die Tiere hier Angst vor mir hatten.

Über diesen Gedanken schlief ich ein und erwachte zu meinem großen Entsetzen bereits so früh, dass die Sonne gerade mit ihren ersten Strahlen am Himmel erschien. Das bedeutete, ich würde mindestens 14 Stunden wach sein und sehnlich darauf warten müssen, dass meine Vision endlich vom Baum fiel.

Wie ich mir einen Draht zunutze machte, mich mehr in Sicherheit zu fühlen und wie sich meine nächtlichen Besucher wieder meldeten.

Da ich meinen Platz nicht verlassen durfte, sah ich mich immer wieder an den gleichen Stellen um. Irgendwann wurde mir bewusst, dass mein Baum mit Stacheldraht umwickelt war. Ich betrachtete den Baum und den Draht und beschloss, den Draht zu entfernen, um auch die letzten beiden Nächte sicher zu sein. Also machte ich einen Deal mit dem Baum. Nur, wie konnte ich sicher sein, dass der Baum das überhaupt wollte? Ich hatte eine Idee: Da es ein Weißdornbaum war, würde er mich stechen, wenn er nicht befreit werden wollte. Er ließ mich aber den kompletten Draht abnehmen, ohne mich zu verletzen.

Essen und Trinken sind total überbewertet

Normalerweise wäre jetzt ein schönes Abendessen an der Reihe gewesen, fand doch sonst gerade mit meinen beiden Berliner Freunden die übliche Montagabend-Runde statt. Abgesehen davon, dass es hier nichts gab, hatte ich allerdings weder Hunger noch Durst. Es war wirklich ein komisches Gefühl, denn der Verstand forderte, langsam mal wieder etwas Nahrung zu bekommen, der Rest aber sagte dazu nein. Dieses Gefühl war großartig, denn es zeigte mir, wie viel tatsächlich ging. Es geht viel mehr als man denkt und uns in der Schule beigebracht wird! Trinken und Essen sind sicherlich wichtig, aber es geht auch für einen Zeitraum von vier Nächten mit den dazugehörigen fünf Tagen ohne.

Wieder dieses Geschnüffel und Getrampel

Ganz langsam bewegte sich später die Sonne endlich auch auf ihren Untergang zu. Die Blüten schlossen sich, ich machte mich bettfertig und legte mich in mein Moskitozelt. Diesmal platzierte ich es etwas anders, da ich noch die Tiere aus der letzten Nacht im Gedächtnis hatte. Ich wusste nun auch, dass wir eine nette Musik zu erwarten hatten und freute mich sogar darauf. Kurz darauf begannen auch schon die Lieder, doch heute ganz leise und ich musste mich anstrengen, um sie überhaupt zu hören. Ich regte mich innerlich auf, dass sie nicht aus dem Tipi herauskamen, um die Lautstärke zu erhöhen. Später erzählten sie uns, dass sie tatsächlich außerhalb des Tipis gesungen hatten. Es musste an diesem Tag der Wind wohl schlecht gestanden haben.

Es war trotzdem super. Ich konnte danach mit einem guten Gefühl einschlafen. Bis – ja, bis wieder dieses Trampeln zu hören war. Ich war mir nun sicher, dass es die Kühe von nebenan sein mussten. Das Getrampel kam näher und näher. Vom Gefühl her würde ich sagen, es war wieder direkt neben oder über mir. Dazu kamen diese Geräusche, die ich überhaupt nicht kannte in dieser Lautstärke: Schnüffeln wie ein Hund, nur zwanzigmal lauter. Dazu gesellte sich nun auch noch ein Schmatzen und langsam wurde es mir doch echt unheimlich. Ich sah nichts, hörte nur etwas und kannte die Geräusche nicht. Diesmal dauerte der nächtliche Besuch etwas länger, aber irgendwann waren sie weg. Nur wer oder was war es?

Der letzte vollständige Tag war angebrochen. Ich war inzwischen die Ruhe selbst und erfreute mich meiner Gedanken.

Die Sonne stieg wieder ganz langsam auf und ich erhob mich von der Nacht. Irgendwie war ich jetzt nicht mehr so auf die Zeit aus, denn ich hatte mich gut mit allem arrangiert. Am Morgen war es recht nass, sodass ich erst einmal noch auf meinem Nachtplatz verblieb. Mit nassen Klamotten hatte ich keine Lust, den Tag zu verbringen. Ich sah mich wieder nach meinen Blüten um, die natürlich noch geschlossen waren.

Die nächtlichen Besucher

Ich wusste, dies war mein letzter vollständiger Tag unter diesem Baum. Morgen würden wir abgeholt werden und es ging wieder in die Schwitzhütte und danach zurück ins tägliche Leben. Oder in ein neues Leben, veränderte sich überhaupt etwas? Wie ihr merkt, ging mein Kopfkino recht schnell wieder los und ich ließ ihm freien Lauf. Ich dachte wirklich über Dinge nach, die mir vorher niemals in den Kopf gekommen waren. Ich genoss es.

Dann hörte ich auf einmal dieses Trampeln, das ich aus der Nacht kannte. Nun war ich überrascht und neugierig. Denn ich war nicht mehr im Moskitozelt, sondern frei beweglich. Wenn mir also dieses Tier, was auch immer es war, zu nahe kam, konnte ich antworten. Ich stellte mich leise hin und dann sah ich sie. Sie kamen tatsächlich näher. Ein Schaf vorneweg und der Rest hinterher. Schafe, einfach nur Schafe waren also meine Nachtbesucher!

Was der Geist alles kann

Ich hatte zwar noch immer nicht dieses mir bekannte Hunger- und Durstgefühl, doch probierte ich langsam auch einige Dinge einfach aus. So stellte ich mir vor, wie ich mir in meiner Lieblingssauna nach einem Aufguss einen großen Grapefruitsprudel bestellen würde. Wie ich ihn ganz in Ruhe mit einem Strohhalm trinken und dann ganz bequem in den Sessel versinken würde. Bis dahin nichts besonderes, aber der Knaller kam beim Aufstoßen: Es schmeckte genauso, als hätte ich ihn wirklich gerade getrunken – das war ja mal eine Erfahrung! Das würde ja bedeuten, dass die Vorstellung von Bekanntem und die Realität nicht immer das Gleiche waren.

In welcher Realität lebte ich dann jetzt, was war mit Zeit und Raum? Eine schöne Denksportaufgabe. Glücklicherweise war der Tag noch jung und ich hatte noch genügend Zeit, über dieses Phänomen nachzudenken. Mir fielen plötzlich noch viel mehr Dinge ein, die so funktionierten.

Abschied unterm Sternenhimmel

Dieser Tag verging erstaunlich schnell. Ich hatte viel mit meinen Gedanken zu tun und nun war die Sonne schon dabei, sich zu verabschieden und morgen sollte es zurück in die Zivilisation gehen. Also genoss ich diesen Sonnenuntergang. Es war das erste und auch einzige Mal, dass ich den Sonnenuntergang so intensiv wahrnahm während meiner gesamten Zeit unter dem Baum.

Nachdem die Sonne untergegangen war, blieb ich noch einen Moment sitzen und wartete auf die nächtliche Musik. Sie kam und ich freute mich, sie laut hören zu können. Langsam merkte ich, dass ich angesichts des nahenden Endes doch etwas unruhig wurde. Ich versuchte, irgendwie in den Schlaf zu kommen.

Dies war nun das vorläufige Ende der Visionssuche, jeder hatte auf seine Art die Tage erlebt, doch fiel mir eines besonders auf: Alle strahlten von innen heraus.

Könnt ihr mich nicht liegen lassen?

Die Aufregung unterdrücken und einfach einschlafen, um dann den letzten Tag unter dem Baum noch entspannt zu genießen. Das war mein Wunsch. Zumal ich nicht wusste, wann wir geholt wurden. Ich schlief auch tatsächlich ein, hörte jedoch in der Ferne schon ein Feuer. Egal, schlafen und den Kopf frei bekommen, sagte ich zu mir selbst. Plötzlich sah ich ein Licht auf mich zukommen. Ich setzte mich so gut es ging in meinem Moskitozelt aufrecht und erwartete Juri und Darko, die mich abholten. War es nicht viel zu früh?

Schwitzhütte statt Cola

Wir holten noch gemeinsam Jim ab und gingen zurück ins Tipi. Alle strahlten von innen, es war toll zu sehen, wie wir wieder zusammen in der Runde saßen und es bis zu dieser Nacht ausgehalten hatten. Ich verspürte eine unglaubliche Energie. Ich hatte mir zwar vorgenommen, gleich nach der Rückkehr eine eiskalte Cola aus der Glasflasche zu trinken, jedoch ging es erst einmal in die Schwitzhütte. Vier Nächte und Tage kein Essen und kein Trinken und dann gleich wieder ab in die Schwitzhütte! Wir zogen uns aus und gingen hinein.

Singen und Tabak rauchen

In der Schwitzhütte bekamen wir heißen Dampf um die Ohren, Juri und Conny sangen. Es gab für jeden noch einmal Medizin. Dann wurde der Tabak entzündet. Jetzt durfte jeder Teilnehmer etwas sagen und es sprudelte nur so aus uns heraus. Es wurde gesungen und schon war die Zeremonie in der Hütte beendet (insgesamt dauerte es fünf Stunden). Nun ging es raus und ich fühlte mich wie neu geboren. Im Tipi wurde Essen und Trinken gereicht und und Juri beendete offiziell die Visionssuche.

Nicht schon wieder sitzen!

Nun war alles zu Ende und wir begannen uns gegenseitig zu berichten, wie es uns ergangen war. Ich hatte den starken Drang, mich zu bewegen, ich war topfit und wollte nicht schon wieder sitzen. So beschloss ich, die Straße runterzulaufen. Marc kam vorbei und wir hatten ein wirklich tolles Gespräch.

Zurück im Camp unter den Eichen saßen auch die anderen, ich ging duschen und Zähne putzen und verspürte unbändige Energie in mir. Doch die anderen saßen nur herum und waren recht fertig. Also waren die Tage für jeden anders verlaufen. Nur eins hatten wir alle gemeinsam, wir strahlten. Nur Sitzen ging nun gar nicht mehr. Am liebsten wäre ich ans Meer gefahren und ins Wasser gesprungen, aber das war zu weit entfernt. Axel fragte mich dann, ob wir beide nach Minas fahren wollten. Dort gab es ein Café und vielleicht bekam ich meine ersehnte Cola und wir konnten uns über Erlebtes austauschen. Ich war so froh über den Vorschlag, dass ich sogleich ins Auto sprang.

Wir fuhren zu dritt nach Minas. Die Stadt, die in der Nähe des Camps lag. Dort setzten sich Axel und ich in ein Café und Sergante durfte sich Schuhe kaufen. Axel bestellte Wasser und Tee für sich und ich mir eine Cola – endlich meine verdiente Cola!

Der erste Schluck nach sieben Tagen. Doch was war das denn? Hatte Cola schon immer so Scheiße geschmeckt? Ich stoppte sofort und bestellte noch ein Wasser. Da trank ich seit Jahren Cola und merkte erst jetzt, dass sie mir nicht schmeckt? Axel sah dem Spektakel zu und amüsierte sich darüber, er kannte das wohl. Seitdem habe ich  keine Cola mehr getrunken, und ich vermisse es nicht.

Anruf zu Hause

Ich dachte über das Gespräch nach, das ich mit meiner Frau geführt hatte. Ich hatte sie im zweiten Versuch erreicht und erst einmal nichts sagen können. Wir waren beide so froh, unsere Stimmen zu hören, das war wirklich Emotion pur! Sie wusste ja nicht, was hier alles passiert war.

Ich glaube, es war ein Telefonat, bei dem so viel in den Wortpausen hin und her ging wie ich es noch nie erlebt habe. Nachdem ich mich dann etwas gefangen hatte, wünschte ich mir noch ein Essen für meine Ankunft. Dann legten wir auf und waren beide absolut beruhigt, denn wir spürten beide die Stärke unserer Verbindung.

Austausch

Bei Wasser und Tee unterhielten Axel und ich uns weiter über Erlebtes und über unsere Visionen. Es war sehr spannend, denn es gab viele Schnittmengen. Ich wollte wissen, wie er die vier Nächte zugebracht hatte. Er berichtete mir von seiner Heilungszeremonie und ich war stark beeindruckt! Aber ich freute mich auch ganz ehrlich für und mit ihm.

Zurück und alles wird anders

Nachdem wir noch schnell im Supermarkt einkaufen waren, ging es zurück ins Camp. Während der Autofahrt war es recht ruhig. Endlich angekommen im Camp, saßen einige unter den Eichen und andere schliefen. Ich traf Darko im Tipi und es kam zu einer wirklich grandiosen Einzelzeremonie, die meine Werte wieder einmal komplett durcheinander brachte.

Geschenke

Da saß ich also nun mit Darko am Feuer. Ich bedankte mich bei ihm noch einmal für die Unterstützung. Plötzlich gab er mir eine Kette, die nach seiner Aussage für ihn einen besonderen Wert besaß.

Ich war total von den Socken. Die Kette, die Darko mir schenkte, war über 20 Jahre alt und er hatte sie selbst einst geschenkt bekommen. Nun reichte er sie an mich weiter mit der Anmerkung, bei mir sei sie gut aufgehoben.

Ich war baff. Wieso verschenkte jemand etwas, an dem er selbst hing? Ich kann es auch jetzt noch nicht wirklich in Worte fassen, aber ich war und bin auch heute noch total überwältigt, wenn ich an diese Situation denke. Mittlerweile, vier Wochen später, habe ich verstanden. Ein Geschenk ist etwas, was jemand anderem Freude bereitet und es ist nicht personengebunden. Bedeutet in meinem Fall: Die Kette gewinnt wieder als Geschenk Kraft, indem Darko sie an mich weitergibt. Ich habe sie nicht umgemacht, da ich Angst hatte, sie zu verlieren. Ich bin zu Futurebags gegangen, wo sie so umgeändert wurde, dass ich sie tragen kann.

Einmalig auf der Welt

Nun ist das mit dem Schenken ja so eine Sache. Klar, hätte ich danke sagen können und damit wär es gut gewesen. Doch auch ich hatte Darko etwas schenken wollen und nicht umgekehrt.

Mein Problem war nur: Ich hatte nichts mit. Warum auch? Ich konnte doch mit so etwas nicht rechnen. Aber ich besaß etwas, was es nur einmal auf der Welt gab und ich spürte in diesem Moment, warum ich mir diesen Gürtel hatte anfertigen lassen. Es war genau das Richtige, um mich bei Darko zu bedanken. Der Gürtel hatte auch für mich eine Bedeutung und ich fühlte mich so unendlich glücklich, diesen einzigartigen Gürtel, an dem ich wirklich hing, Darko schenken zu können. Aber genau dieses Gefühl des Abgebens ist es vielleicht, was die Kraft eines Geschenks ausmacht.

Es war ein Geschenk von ganzem Herzen und es war jetzt in seiner Einzigartigkeit bei einem Menschen, der auch einzigartig war. Sind Geschenke nicht eigentlich Symbole, die für etwas stehen, was ich mit dem anderen gemeinsam habe oder ihm wünsche? Für mich sind Geschenke und ihr Wert seit dieser Zeit neu definiert. Sie sind meiner Ansicht nach nicht ewig an eine Person oder einen Ort gebunden, sondern gewinnen neue Kraft dadurch, dass sie wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden.

Heute ging es zum Wasserfall. Wir fuhren mit zwei Autos durch Minas und bogen dann auf einen Feldweg ein. Wir kamen immer weiter weg von der Zivilisation, hin zu unberührter Natur.

Wir suchten den Weg zum Wasserfall. Dieser wurde immer schmaler, jedoch erreichten wir nach gut 30 Minuten unser Ziel und wurden für alle Strapazen entschädigt. Was für ein Ausblick, was für ein Wasserfall! Adler zogen ihre Kreise in den Lüften, es war beeindruckend. Und endlich wollte ich unbedingt baden in diesem klaren, kalten Wasser.

Fall ins Wasser

Nun kletterten wir alle auf den Felsen zum Wasserfall. Nachdem wir alle ein Plateau erreicht hatten, entschieden sich Ina, Nika, Jim und ich noch weiter nach unten zu klettern, um zu baden. Mandy machte Fotos mit ihrem Handy. All ihre Mühe sollte jedoch umsonst sein. Ihr Handy schwamm den Wasserfall hinab. Sie war kurz geschockt, dann aber auch irgendwie befreit. Ich finde, dieses Foto von Mandy sagt mehr aus, als ich es hier jemals hier beschreiben könnte.

Badewanne

Nika, Lena, Jim und ich waren nun in der Badewanne des Wasserfalls. Traumhaft! Das Wasser war angenehm kühl und klar. Nachdem wir der Schwitzhütte entkommen waren, wurden wir quasi neu geboren und gereinigt für unser Leben.

Nachdem mein Entschluss feststand, meinen Gürtel zu verschenken, brauchte ich einen neuen. So fuhren Lena, Mandy, Axel und ich einkaufen in einen Laden circa 100 Kilometer entfernt von unserem Camp.

Spannend war schon der Weg dahin. So hatten wir die Möglichkeit, noch etwas vom Land zu sehen. Ich kann nur davon schwärmen. Tier und Mensch leben hier im Einklang, keine Massenzucht, sondern viel Platz für wenig Tier.

Einkaufen

In Pando angekommen, fuhren wir in den etwas abgelegenen Laden. Aber es war enttäuschend, wir hatten zwei Stunden Zeit, aber dort gab es nichts, weder für mich, noch als Mitbringsel für meine Frau oder meine Kinder. Auf der Rückfahrt begeisterten mich noch einmal das Land und die Menschen.

Im Camp angekommen, setzte ich mich wieder zu den anderen unter die Eichen und berichtete vom Ausflug. Irgendwann kam Mandy dazu und zeigte uns, was sie eben beim Einpacken gefunden hatte. Ihr Ersatzhandy, woher wusste sie nur, dass sie das hier brauchen würde, und warum fand sie es erst jetzt?

Rückblick

Beenden möchte ich mit einem Zitat von Darko:

„Irgendwann muss man sich entscheiden, was man leben möchte. Möchte man das leben, was die anderen von einem wollen oder möchtet ihr das leben was ihr seid.“

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